Verantwortung
und Ansehen der Bauingenieure – ein Aufruf!
Autoren
dieses Aufrufs sind acht deutschsprachige Bauingenieure aus
verschiedenen Sparten dieses Berufs, die ihm nach mehreren Jahrzehnten
aktiver Arbeit weiterhin eng verbunden sind. Sie nehmen Stellung zum
Ist-Zustand dieses Berufs und versuchen, die junge Generation der
Bauingenieure zu weiterer engagierter Arbeit zu ermuntern, die Öffentlichkeit
für unsere Arbeit zu interessieren und außerdem unsere Partner – in
Beruf, Verwaltung und Industrie – um verständnisvolle Zusammenarbeit
zu bitten.
1. Die Bauingenieure sind für
den Bau und Erhalt der Infrastruktur verantwortlich, ohne die es kein
menschenwürdiges Leben auf dieser Erde gäbe,
- kein Leben in Gesundheit mit Trinkwasser und Müllentsorgung
- keinen Verkehr auf Straßen, Schienen, Flüssen und Flughäfen
- keine sichere und umweltverträgliche Energieversorgung
- keinen Schutz vor Erdbeben, Sturm und Überschwemmung
- kein sicheres Leben und Arbeiten in den von ihnen zusammen mit
Architekten geplanten Gebäuden.
2. Obwohl
diese Schlüsselrolle der Bauingenieure allgemein anerkannt wird, ist
das Ansehen dieses Berufsstandes
heute unangemessen gering. So erscheint er jungen
Talenten wenig attraktiv oder er wird bei der Vergabe von
Forschungsmitteln benachteiligt – mit der Folge sinkender
Qualität der Infrastruktur und damit der
materiellen und kulturellen Lebensbedingungen aller Menschen.
3. Die Bauingenieure müssen deshalb
- sich gemeinsam mit den anderen naturwissenschaftlich/technischen
Berufen dem allgemein verbreiteten Desinteresse an technischen Themen
entgegenstemmen. Insbesondere rohstoffarme und deshalb existentiell vom
Können ihrer Naturwissenschaftler und Ingenieure abhängige Länder dürfen
es sich nicht leisten, dass Laien über Wert und Nutzen ihres Wirkens
entscheiden.
- sich der Einmaligkeit ihres Berufs wieder bewusst werden und
weitersagen, dass er wie kaum ein anderer auch in unserer
pluralistischen und zur Spezialisierung neigenden Gesellschaft einem
Einzelnen die Gelegenheit gibt, mit seinem erlernbaren
naturwissenschaftlich-technischen Wissen und seiner angeborenen
kreativen Begabung eigenständige Werke zu schaffen und damit die
Lebensbedingungen der Menschen auf dieser Erde zu verbessern.
- sich selbstsicher, überzeugt und überzeugend ihrer sozialen,
gesellschaftlichen und kulturellen Verantwortung stellen.
- junge Talente begeistern, die heute entweder high-tech oder
musisch-kreativ bestimmte Aufgaben suchen, indem sie ihnen die
Attraktivität ihres Berufs aufzeigen, der, wie kaum ein anderer, beides
bietet.
- ihren Nachwuchs bereits an den Hochschulen mit einer über das
technische Wissen hinausgehenden, das selbständige und interdisziplinäre
Denken fördernden und verkrustete Lehrpläne aufbrechenden praxisnahen
Lehre auf seine Verantwortung vorbereiten. Dazu gehören
Bau(ingenieur)geschichte ebenso wie ein werkstoffübergreifendes System-
und Modelldenken und insbesondere das selbständige und phantasievolle
Entwerfen von Ingenieurbauwerken. Dazu muss Sprachfähigkeit und
Teamarbeit, also soziale Kompetenz gelehrt und geübt werden, weil der
beste Entwurf keine Chance hat, wenn seine Vorzüge nicht überzeugend
vermittelt werden.
- ihre ausufernden nationalen und europäischen Normen auf einen
praktikablen und anschaulichen Bruchteil reduzieren, weil sonst ihre
ganze Kraft und Unbefangenheit aufgezehrt und so die Grundlage kreativen
Denkens verschüttet wird. Sie verbringen viel zu viel Zeit damit,
nichts falsch zu machen statt gleich das Richtige zu tun, ist doch laut
Hegel, "die Furcht zu irren schon der Irrtum selbst".
- im Hochbau den Architekten als kreativer Partner zur Seite
stehen, um sich nicht selbst zum Statiker zu degradieren, sich aber im
Ingenieurbau ihrer großen Verantwortung nicht nur für die Sicherheit
und Wirtschaftlichkeit, sondern auch für die angemessene Gestalt ihres
Werks stellen. Denn es ist nicht die Gestaltung einerseits und die
Bautechnik andererseits, was Architekten und Bauingenieure
unterscheidet, sondern die Art der Bauaufgaben, für die sie jeweils die
gesamte Verantwortung tragen. Dabei dürfen die Bauingenieure
hinsichtlich des Gewichts ihrer Verantwortung auch darauf hinweisen,
dass es bei Fehlern des Ingenieurs Tote, des Architekten aber
"nur" unwirtliche Städte geben kann.
- sich sträuben, als Architekten bezeichnet zu werden, wenn sie
ihrer gestalterischen Verpflichtung nachkommen und sich wehren, wenn
einem Architekten das ganze Ingenieurbauwerk bereits dann zugeschrieben
wird, wenn er es nur geschönt hat.
- dafür kämpfen, dass ihr geistiges Eigentum gewahrt wird, dass
sie sich nach einer erfolgreichen Wettbewerbsbeteiligung im freien Beruf
keinesfalls einem Vergabewettbewerb unterwerfen müssen, um den
Planungsauftrag für einen mit erarbeiteten Entwurf zu erhalten und dass
sie als Unternehmer den Missbrauch ihrer technischen Sondervorschläge
nicht hinnehmen müssen.
- darauf bestehen, im Vergleich zu anderen Berufen und im Hinblick
auf ihre unvergleichlich hohe Verantwortung, angemessen und
leistungsgerecht honoriert zu werden. Dazu müssen sie sich aber auch
selbst an ihre Gebührenordnung und an den Ehrenkodex ihrer
Ingenieurkammer halten und eine angemessene Verhaltenskultur für ihre
Zunft entwickeln.
- wie alle Bürger ihren Beitrag zum Abbau der Staatsverschuldung
leisten, weil sie Ursache vieler der hier angesprochenen Missstände
ist.
4. Die Gesellschaft darf
deshalb
- nicht in ihrer Bereitschaft nachlassen, ganzheitliche Qualität,
also technisch Zuverlässiges und gut Gestaltetes für den öffentlichen
Raum zu fordern und zu finanzieren.
- nicht zulassen, dass die Summe der Ausgaben für öffentliche
Investitionen geringer ist als die der Einnahmen aus neu aufgenommenen
Krediten und damit immer wieder gegen Artikel 115 des Grundgesetzes
verstoßen wird.
- nicht zulassen, dass zwar und zu Recht für Museen oder Kindergärten
Entwurfswettbewerbe ausgeschrieben werden, die Planungsleistungen für
eine Brücke aber, obwohl sie eine viel stärkere Wirkung auf ihr natürliches
und urbanes Umfeld haben kann, meist nach dem niedrigsten Preisangebot
vergeben werden.
- nicht verkennen, dass Mehrkosten qualitätsvoller Bauten nur die
Folge von mehr Arbeit sein können, weil gute, effiziente Bauten mit
weniger Werkstoffressourcen auskommen als schwerfällige und sie deshalb
sozial und ökologisch zugleich sind.
- nicht zulassen, dass das technisch/wissenschaftlich qualifizierte
und erfahrene Personal in der öffentlichen Verwaltung und den
Spitzenpositionen der Industrie weiter ausgedünnt wird.
- nicht die Bedeutung der grundlegenden und der praxisnahen
Forschung für das Bauwesen und die Infrastruktur - einschließlich des
Exports von Ingenieurleistungen - unterschätzen. Sie muss darauf drängen,
dass die deutsche Bundesregierung ihre Entscheidung, die Bauforschung
aus dem Bundesforschungsministerium auszugliedern, revidiert.
Die
Bauingenieure müssen um die Verbesserung ihres beruflichen Ansehens kämpfen,
um ihrer zivilisatorischen und kulturellen Verantwortung weiterhin
gerecht werden zu können. Dazu müssen sie in Forschung, Lehre und
Praxis die Qualität ihrer Arbeit stetig den Bedürfnissen der Menschen
anpassen und in der Gesellschaft um Anerkennung dafür werben, dass auch
im Ingenieurbau Qualität ihren Preis hat.
Josef Eibl, München / Alfred Pauser, Wien / Herbert Schambeck,
Andechs / Jörg Schlaich, Stuttgart / Klaus Stiglat, Karlsruhe / René
Walther, Basel / Hans-Joachim Wolff, München / Wilhelm Zellner,
Leinfelden-Echterdingen. Im September 2006
Die
Unterzeichner, die sich aus freien Stücken zu diesem Aufruf
zusammenfanden und in dieser Konstellation keiner Organisation angehören,
bitten diejenigen Kollegen, die sich prinzipiell damit identifizieren können,
um Weiterverbreitung, jeder an seinem Ort und mit seinem Medium von der
Hauspost bis zur (Verbands-)Zeitschrift. Kritik und Anregungen
werden erbeten an Dr.-Ing. Klaus Stiglat, Hegaustr. 19, 76199 Karlsruhe.